Kugelschreiber und Papier verabschieden sich

Weinheimer Nachrichten vom 03. Juli 2020

Dietrich-Bonhoeffer-Schule startet mit „Tablet-Klassen“ / Rund 50 Schüler nehmen an dem Projekt teil / Eltern finanzieren die Geräte, die jeweils rund 500 Euro kosten

Weinheim. Im Hörsaal der Dietrich-Bonhoeffer-Schule (DBS) ist die Aufregung am Mittwochmittag groß. In Papiertüten verpackt warten 15 Tablets darauf, von ihren neuen Besitzern ausgepackt und angeschaltet zu werden. Unter großem Geraschel und Gemurmel werden die Kartons geöffnet, dann hält jeder Schüler des Einführungskurses seinen neuen Lernbegleiter in der Hand. Die smarten Endgeräte werden im kommenden Schuljahr in den zwei neuen „Tabletklassen“ des Gymnasiums zum Einsatz kommen und mehr digitale Unterrichtsformen ermöglichen. Auch Lilly Binz besucht die siebte Klasse und wird in Zukunft seltener zum Kugelschreiber und College-Block greifen. Denn auf ihrem Gerät kann sie im Unterricht mitschreiben, Präsentationen für ihre Mitschüler erstellen und ihre Hausaufgaben machen – die sie dem Lehrer dann direkt zuschicken kann. „Ich finde es super, dass wir ab sofort mit den Tablets arbeiten werden. Wir haben schon in der Corona-Zeit viel digital gemacht, zum Beispiel Lernseiten erstellt oder Videokonferenzen gehalten“, sagt sie.

„Wir hatten schon mal eine Tabletklasse und haben festgestellt, dass die Schüler nach drei Jahren den Umgang mit den Neuen Medien sehr gut beherrschen“, erklärt Tobias Tempel, Lehrer und Abteilungsleiter Mathematik und Naturwissenschaften. Das Kollegium habe sich mit den Vor- und Nachteilen des teilweise digitalen Unterrichtens auseinandergesetzt und schließlich mehrheitlich für den zweiten Durchgang gestimmt. Groß war auch das Interesse aufseiten der Schüler, am Ende musste gelost werden, wer an einer der beiden Tabletklassen teilnehmen konnte. Finanziert worden sind die Geräte von den Eltern der Schüler. Mit den kürzlich beschlossenen Fördermitteln des Bundes und des Landes Baden-Württemberg – allein in Weinheim sollen 940 Tablets angeschafft werden – hat das Projekt am DBS-Gymnasium nichts zu tun. Rund 500 Euro zahlten die Eltern je Kind. Davon gekauft wurde ein „leistungsstarkes Apple iPad sowie ein Apple Pencil“, ein Eingabegerät in Form eines Stiftes, mit dem auf dem Bildschirm geschrieben werden kann, erklärt Tempel.

Zugang zum Internet

Die Zeit der Schulschließungen während der Corona-Krise hat auch den Lehrern gezeigt: Längst nicht jeder Schüler hat zu Hause einen Zugang zum Internet. Für das Homeschooling waren, besonders in den weiterführenden Schulen, Laptops, PCs oder eben Tablets vielerorts Voraussetzung, um die zugesandten Aufgaben aufrufen und bearbeiten zu können oder den Kontakt zwischen Lehrkräften und Schülern zu gewährleisten. Experten sind sich sicher, dass das Smartphone nicht geeignet ist, um als alleiniges Medium Lernstoff zu vermitteln

Mit Blick auf die Chancengleichheit, die besagt, dass Kinder und Jugendliche unabhängig von der finanziellen Situation und gesellschaftlichen Stellung ihrer Eltern gefördert werden sollen, investiert der Bund nun in die Anschaffung solcher Geräte. Wie löst die DBS das mögliche Problem, wenn Eltern keine 500 Euro für ein Tablet ausgeben können? Interne Förderprogramme könne die Schule nicht anbieten, da von den Eltern keine Nachweise über Einkommen oder Vermögen eingefordert werden dürfen, erklärt Tempel. „Es gab aber die Möglichkeit des Ratenkaufs. Außerdem verweisen wir immer auf die Internetseite der Arbeiterwohlfahrt, wo es juristische Beratung und Hilfe für Menschen gibt, die Sozialleistungen empfangen“, fügt Tempel hinzu. Auf der Seite findet sich auch ein Formular, das Eltern beim Jobcenter einreichen und somit die Kostenübernahme für die Endgeräte und Zubehör beantragen können.

An insgesamt sechs Workshops nehmen die Schüler der beiden Tabletklassen teil. Los geht es mit dem Einrichten der Geräte, gefolgt von weiteren Einführungsstunden, in denen die wichtigsten Programme und deren Funktionen von den Fachlehrern erklärt werden. Wer zum Beispiel eine Präsentation erstellen will, kann mit „Keynotes“ Bilder, Texte und Videos auf digitale Folien bringen. Wer seinem Mitschüler oder dem Lehrer eine Datei schicken möchte, macht das drahtlos über die App „Airdrop“. Was nicht verloren gehen soll, wird auf einem Server gespeichert, in der sogenannten „iCloud“.

Lerninhalte anpassen

Didaktisch setzt die DBS auf eine Mischung aus digitalem und analogem Unterricht. Der Schüler könne entscheiden, ob er auf dem Tablet oder ins Heft schreibt. „Wir halten uns natürlich an den Lehrplan, versuchen aber, das Ganze anders anzugehen. Die Geräte dienen dazu, im Internet zu recherchieren oder mithilfe von Apps Lerneffekte hervorzurufen“, fasst es Tempel zusammen. Die Frage der Zukunft ist jedoch nicht nur die der Finanzierung von Endgeräten – ohne eine entsprechende Infrastruktur der Schulen nützt auch ein teures Tablet wenig. Nur eine Minderheit deutscher Schulen ist mit moderner Technik ausgestattet, zu der auch ein Internetanschluss in jedem Klassenzimmer gehört. „Je mehr Schüler in Zukunft mit mobilen Endgeräten im Unterricht sind, desto schwieriger wird das“, sagt Tempel. Die Bandbreite des Schulnetzwerks solle von 600 Megabit auf 10 Gigabit aufgestockt werden – eine Kostenfrage. Außerdem müssten noch die Kupferkabel gegen Glasfaser ausgetauscht werden. Den Antrag im Rahmen des „Digital-Pakt Schule“, mit dem der Bund unter anderem den Breitbandausbau an Schulen fördert, habe die DBS vor rund einem Jahr eingereicht. „Wir rechnen damit, im nächsten Jahr die Infrastruktur erneuert zu bekommen“, sagt Bergwitz.

Von Paul Pflästerer

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